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Botanischer Garten München-Nymphenburg

Die Wüste lebt – Wüstenpflanzen im Gewächshaus

Der Gedanke an Wüste verbindet sich in unserer Vorstellung im allgemeinen mit der Idee von Leere, Weite und Ödnis. Pflanzen treten in diesem Phantasiebild nur am Rande in Erscheinung: einsam, oft halb verdorrt, führen sie in der ausgedehnten Kargheit der Landschaft ein verlorenes Dasein.

Tatsächlich ist eine nahezu fehlende, spärliche oder sehr lockere Pflanzendecke kennzeichnend für alle Wüsten und Trockengebiete der Erde. Hinter der geringen Vegetationsdichte, wie man bei näherem Hinsehen entdecken kann, verbirgt sich jedoch eine unerwartete Vielfalt an Pflanzenarten und Lebensformen. Allein in den heißen Wüsten und Halbwüsten schätzt man die Anzahl der Blütenpflanzenarten auf insgesamt etwa 50.000, das sind rund 15 % aller Blütenpflanzenarten weltweit. Dabei weist jedes Wüstengebiet im Hinblick auf Artenreichtum, floristische Zusammensetzung und Lebensformen seine Eigenheiten auf.

 

Cleistocactus winteri

Cleistocactus winteri

 

Für die Pflanzen, die in Wüstengebieten vorkommen, gilt es eine Reihe von Problemen in Zusammenhang mit ungünstigen Umweltbedingungen zu überwinden. Diese sind bei aller Unterschiedlichkeit der Wüsten, was die geographische Lage sowie die Relief- und Bodenbeschaffenheit betrifft, weltweit grundlegend die gleichen. In erster Linie sind dies die Wasserknappheit, verbunden mit hoher Sonneneinstrahlung, Trockenheit, Hitze, starken Tag-Nacht-Temperaturschwankungen und Wind. Im Laufe der Zeit haben die Pflanzen verschiedene Anpassungen und Strategien entwickelt, um den widrigen Lebensumständen zu trotzen.

 

Welwitschia mirabilis

Die in der Nebelzone der Wüste Namib vorkommende Welwitschia mirabilis nimmt entgegen vielfacher Meinung Wasser aus dem Nebel nicht direkt über die Blätter auf. Vielmehr gelangt das Wasser von den Blättern in den Boden und wird von den Wurzeln aufgenommen. Sie ist eine der kuriosesten Pflanzen weltweit und wird Hunderte von Jahren alt.

 

Mit wenigen Ausnahmen nehmen Wüstenpflanzen das Wasser über Wurzeln aus dem Boden auf. Eine erfolgreiche Strategie ist die Entwicklung eines weitreichenden, stark verzweigten, oberflächennahen Wurzelsystems, dessen Einzugsgebiet so groß ist, daß die Wasserversorgung gewährleistet ist. Derartige Seitenwurzeln können bis zu 30 m lang werden, so daß auch die geringste durch Niederschläge hervorgerufene Feuchtigkeit im Boden in einem weiten Umkreis genützt werden kann. Die ausgedehnten Wurzelsysteme bedingen dann großen Abstand der Einzelpflanzen und damit die geringe Vegetationsdichte. Flach streichende Wurzeln findet man z.B. bei vielen Kakteen. Einigen Pflanzen, insbesondere Bäumen, wie z.B. Akazien-Arten, und Sträuchern, gelingt es mit Hilfe einer tiefreichenden (Pfahl-) Wurzel, den Grundwasserspiegel zu erreichen und so die Wasserversorgung zu sichern.

 

Aloe wickensii

Aloe wickensii mit gelb-orangen Blüten kommt aus Süd-Afrika. Zu besichtigen im Kleinen Sukkulentenhaus (Haus 5).

 

Aloen werden besonders im blütenlosen Zustand immer wieder mit Agaven verwechselt, da beide Pflanzengattungen die gleiche Anpassung an trockene Klimate zeigen, nämlich die Speicherung von Wasser in den Blättern. Man spricht von Blattsukkulenz. Völlig unabhängig voneinander haben diese beiden Pflanzengattungen einmal in der Alten Welt (Aloen) und einmal in der Neuen Welt (Agaven) diese Art der Wasserspeicherung "entdeckt" und entwickelt. Man bezeichnet solche parallelen Anpassungen bei nicht näher miteinander verwandten Pflanzengattungen mit dem Fachbegriff Konvergenz. Unterscheiden kann man Aloen und Agaven zum einen an der Lage des Fruchtknotens in ihren Blüten (bei Aloe oberständig in der Blütenröhre eingeschlossen, bei den Agaven unterhalb der Blütenblätter) und zum anderen durch den inneren Aufbau der Blätter. Agavenblätter enthalten im Inneren zähe Längsfasern (daher dienen manche Arten als Faserlieferanten, wie z.B. die Sisal-Agave). Aloen enthalten keine solchen Fasern, sondern haben ein saftiges, gelartiges Inneres.

 

Eingangshalle (Halle A)

Eingangshalle (Halle A)

 

Im Botanischen Garten können Vertreter beider Gattungen und viele weitere trockenheitsliebende Pflanzen besichtigt werden: In der Eingangshalle (Halle A) und im Mexikohaus (Haus 6) findet man Agaven und andere Pflanzen aus Trockengebieten Amerikas, in der letzten Halle (Halle C) und im Kleinen Sukkulentenhaus (Haus 5) gedeihen Aloen und viele andere trockenheitsliebende Pflanzen aus Afrika.

Kommen Sie und sehen Sie sich das und vieles mehr in unseren Gewächshäusern an. Oder nehmen Sie an einer unserer Führungen teil, wie z.B. am Sonntag, dem 22. Januar, um 10 Uhr, an einer Führung über Wüstenpflanzen von Frau Dr. Michaela Binder.

Ein Besuch im Botanischen Garten lohnt sich immer!

 

 

Fotos: Franz Höck, Botanischer Garten München-Nymphenburg

Text: Dr. Ehrentraud Bayer

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